Als Sommercamp bezeichnet die Galerie Haas&Fischer jene Gelegenheit, bei der 10 Studierende der ZHdK an 10 Tagen ihre Arbeiten präsentieren. Für einen Tag. Jeweils – genauer vom 8. bis 12. und vom 15. bis 19. Juli. Eröffnet hat gestern Navid Sadrossadat, ein Meisterkommilitione mit Arbeiten, die sich auf seinen Besuch im Irak bezogen – ist aber eh schon vorbei. Ich werde sicherlich nicht jeden Abend in der Galerie verbringen. Soviel zu der Sache mit der Gelegenheit. Ob es eine gute ist, bezweifle ich. Klingt so zwischen Fill-the-Sommerpause und Mach-mir-ein-tolles-Saure-Gurkenzeit-Marketing. Oder schöner gesagt: den Fluss des Erzählens nicht versiegen lassen und immer schön im kommunikativen Umlauf bleiben, selbst wenn das Kreativwirtschaftsunternehmen in den Ferien ist. Tolle Sache das!

Bleibt die Frage, was hat sich die Galerie nur bei diesem Flyer gedacht. Da fällt mir rein gar nichs zu ein. Ausser: unfassbar blöd.

Flyer Sommercamp Haas&Fischer 2009

Haas&Fischer, Sihlhallenstrasse 19, Zürich, von 18-23h

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Nach einem Parforceritt durch die Kunst, die dieses Jahr auf der Art|Basel gezeigt wird, muss ich sagen: sehr dekorativ das Ganze. Habe mir sagen lassen, dass ich anderes auch nicht erwarten darf. Das hier ist eine MESSE und keine Ausstellung. Und schwupps bin ich bei so schönen Wortvergleichen wie Messe und Messe – wo gibt’s in Basel so richtig schöne Messe-Liturgie?

Jedenfalls bin ich zwei Tage lang um die Kunst herumgeschlichen. Sehr schön, viel gut Gemachtes. Künstler und Künstlerinnen, deren Arbeiten ich nicht nur nett fand, habe ich mir mal aufgeschrieben – zum später nochmals oder mal wieder anschauen. Reihenfolge: von Dienstag bis Mittwoch oder von unten nach oben.

Robert Rauschenberg, Donald Baechler, Mel Bochner, Cy Twombly, Paco Knöller, Lee Krasner, Jacques Villeglé, Darryl Pottorf, Jenny Holzer, Joseph Kosuth, Louise Bourgeois, Arnulf Rainer, Nalini Malani, Paulo Climachauska, Walter Niedermayer, Joyce Pensato, Charline von Heyl, John Beech / Edward Albee, Matthew Day Jackson, Grayson Perry, AA Bronson, Konstantin Luser, Adrian Piper, David Shrigley, Joachim Koester, Nancy Spyro, Philippe Parreno, Martin Kippenberger, Andreas Hofer, Tonico Lemos Auad, Jakub Julian Ziolkowski, Rirkrit Tiravanija, Martha Rosler, Louise Lawler, Manfred Pernice, Robert Motherwell, Sandra Vasquez de la Horra

Donald Baechler Jacques Villeglé, Voie privee Raspail, Nice Arnulf Rainer, Body Pose III, 1971/72 Joyce Pensato, Duck-Mouse John Beech / Edward Albee, Obscure/Reveal 28 Adrian Piper, "Everything #2/11b" Philippe Parreno, Sodium Lights Martin Kippenberger, Untitled Rirkrit Tiravanija, Reflection ping pong table Martha Rosler, Hooded Captives Robert Motherwell, 2 Figures (1958) Sandra Vasquez de la Horra, Sandra Vasquez de la Horra - Mitológica (2008)

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Der nächste Besuch in der alten Heimat steht an. Und glücklich finde ich rechtzeitig Ankündigungen für die künstlerische Bildung. Zum Beispiel diese für die Galerie Spesshardt & Klein. Dort hat sich Peter Lang dem Thema unterwegs in/mit Waffen gewidmet; genauer gesagt dem Kugelfang. Das sieht alles sehr interessant aus, zumal ohne Zweifel allein das Thema schon eine Reise wert wäre. 17 Beiträge hat die Galerie zusammengetragen von: Roland Boden, Martin Dammann, Roland Fuhrmann, Christine de la Garenne, Moritz Götze, Herman van Ingelgem, Chrstinane Klatt, Alicja Kwade, Via Landowsky, Serkan Özkaya, Jenny Rosemeyer, Philip Topolovac, Kris Vleeschouwer, Jorine Voigt, Eva-Maria Wilde, Markus Wirthmann, Ralf Ziervogel.

Abbildung Flyer

Kugelfang vom 19. Juli – 30. August 2008 Rudi-Dutschke-Str. 18, 10969 Berlin

Was es epistemologisch mit dem Kugelfang auf sich hat, kann im Einleitungstext zur Ausstellung nachgelesen werden. Gefunden im Therotischen-Hilfs-Werk.

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Er ist einer der bekanntesten Nachkriegskünstler Frankreichs, Christian Boltanski – geb. 1944 in Paris. Eines der Zentren, um die seine künstlerische Auseinandersetzung kreist, ist Vergangenheit/Kindheit und ihre Bewältigung. In vielen Arbeiten Boltanskis verarbeitet er Artefakte der eigenen Biografie – zum Beispiel kleine, beschriftete Biskuitschachteln und Säckchen mit Haaren und einem Foto der Schwester. Filme entstehen, die so wunderliche Titel haben wie:

Das unmögliche Leben des Christian Boltanski (1968), Der Mann, der hustet (1968) Der Mann, der leckt (1969) Wie können wir ihn ertragen? (1969). Nachforschung nach all dem und der Präsentation all dessen, was aus meiner Kindheit (1944-1950) übriggeblieben ist (1969) Rekonstituierung eines Unfalls, der mir noch nicht zugestossen ist, aber in dem ich den Tod gefunden habe (1969).

Bei der Leidenschaft fürs Vergangene könnte einem wahrscheinlich schnell die Sammelleidenschaft plagen. Vor dieser Gefahr scheint auch ein Boltanski nicht gefeit gewesen zu sein. Ein Befreiungsschlag muss das 1973 gewesen sein. Alle Dinge, an denen er hing, hat er an Unbekannte versteigert. Hut ab – muss er sich doch gleichzeitig all jener Dinge entledigt haben, die ihm als Grundlage für seine Kunst dienten. Mir jedenfalls ist das eine ehrfürchtige Verbeugung wert – ich würde diese grosse Geste gern auch in meiner Wohnung durchführen. <G>

Sein späteres Werk nutzt für diese Auseinandersetzungen ausgiebig das Medium Fotografie. Auch hier beweisst der Mann feinen bis abgründigen Humor bei der Wahl der Titel für seine Arbeiten:

Die 62 Mitglieder des Mickey Clubs von 1955 Die Kleider des Français C Tote zum Lachen – zum Totlachen

Ab 1976 werden die fotografischen Bilder grossformatig – Foto- und Wandkompositionen heissen sie ab dann und füllen tatsächlich Wände. Sie sind Inszenierungen, Dramaturgien mit Licht. Lämpchengirlanden werden als Dekor eingesetzt. Endpunkt dieser Entwicklung von Environments sind seine Schattenspiele – motorgetriebene, rotierende Werke.

1990 kam zur Arbeit Les Suisses morts bzw. die Toten Schweizer.

Viel zu lange habe ich nur mit Fotos toter Juden gearbeitet. Dabei ist doch ein toter Jude Selbstverständlichkeit. Der Tod und der Jude verstehen sich zu gut. Wer dagegen kann sich vorstellen, dass auch Schweizer sterblich sind? Schweizer sind so normal. Es gibt wirklich keinen Grund, warum gerade sie sterben müssen. Tote Schweizer wirken so viel schrecklicher auf uns. Weil sie wie wir sind. (Boltanski)

Tod – nicht das Sterben – ist ein anderer Angelpunkt, der vor allem in seinem Spätwerk grosse Aufmerksamkeit findet. Eben auch im Les Suisses morts. Auf Biskuitschachteln (schon wieder) werden die Porträts verstorbener Schweizer geklebt – ihren zweiten Tod finden sie an der Wand einer Ausstellung bzw. Museums – als vorgestelltes Massengrab – stellvertretend für alle jene, die ohne Schrecken sterben und deren Tod nach Boltanski für uns umso schrecklicher ist. Die Angst vor dem Tod – eine konsequent umgesetzte Spurensicherung* – scheint ein reichhaltiges Motiv für Christian Boltanski.

Les Installation “Archives des Suisses Morts” ausgestellt im Legacy House, Contemporary Art in Belgrade Quelle: daylife.com

1991 vollendete Boltansky Reserve of the German Family – auch hier wieder ist das Thema die persönliche und die kollektive Erinnernung. Die überlebensgrossen Kartons stellen sich als hundsgemeine Keksdosen (!) heraus. Das Alltägliche einer solchen Keksdose korreliert deutlich mit dem Aufgeladenen von Erinnern und Vergessen. – Bemerkenswert ist da dabei, das solche Dosen so gern als Aufbewahrungsort für Fundstücke des eigenen Lebens herhalten müssen.

Reserve of the German Family // Reserve der deutschen Familie Quelle: Virtuelles Museum Moderne (NRW)

Eine neuere Arbeit, die mir sehr gut gefällt ist Time, Zeit von 2001. Auf der einen ist das Foto eines Kindes zu sehen, auf der anderen als Erwachsener.

Zeit, 2001

Eine recht übersichtliche Biografie, die für diese Zusammenfassung Grundlage war, gibt es bei g26.ch Christian Boltanski bei Wikipedia Ein Videodokumentation (52 min, englisch) über sein Arbeiten und Wirken (gefunden via Anna Keck)

* Der Begriff der Spurensicherung – Bezeichnung für eine Kunstrichtung, bei der der Künstler durch Sammeln realer oder fiktiver Relikte der Vergangenheit realistische Zusammenhänge oder fiktive Welten nach seiner subjektiven Erfahrung konstruiert. sh. bei wissen.de

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Neben den im ersten Teil genannten Arbeiten haben mir noch vier weitere Künstler ausreichend Interesse entlocken können an ihren Arbeiten und ihren Hintergründen. Matthew Darbyshire, Daniel Pitin und Stefan Burger.

Als eine, die sich selbst mit der Welt der Waren und Marken auseinandersetzt, hat mich wie selbstverständlich die Kunst von Matthew Darbyshire interessiert. Ich finde seinen kritischen Ansatz mit den Mechanismen der Warenwelt der Auseinandersetzung würdig – auch wenn ich zugeben muss, dass mir seine Glas-Arbeiten nicht so sehr zusagen.

Matthew Darbyshire - Untitled (Shelves No. 1-3), 2008

Der Brite sucht nacht den Schnittstellen zwischen Design und Kunst. Er verknüpft Kopien von Design-Klassikern mit Elementen aus der Mode, mit Fakes und Kultlabels. Er stellt zum Beispiel in so ein Ikearegal exklusive Kristallobjekte neben billigen Plastikglästern aus einem Warenhaus. Das ist spannend – und leider muss man sich in dem Fall fragen war der gesamte Stand an der Liste schon ausverkauft. Irgendwie paradox das.

Der Prager Daniel Pitin war auf der Liste 08 mit Zeichnungen bzw. gezeichneten Videostills vertreten. Zum Beispiel Behind the House aus diesem Jahr. Wenn jemand zwischen Malerei und Film hin- und herspringt, hat er meine fast geteilte Aufmerksamkeit. Pitins Markenzeichen sind verfremdete Szenen aus Filmen, die als gemalte Bilder eine interessante Verfremdung erfahren. Vor allem Hollywood-Klassiker – also Mainstreamwerke des Films – werden von ihm aufgegriffen, wichtiger Details beraubt und dadurch für neue Kontexte eröffnet. Gleichzeitig kann er wie in einem Nebeneffekt klassische Erwartungen an die Malerei hervorbringen, die natürlich gebrochen werden. Eine Auswahl seiner Auswahl zeigt seine Heimatgallerie Hunt Kastner.

Daniel Pitin - Behind the House, 2008

Humor ist für mich extrem wichtig. Nicht nur in den eigenen alltäglichen Lebenslagen, sondern auch in der Kunst. Wenn Humor sich dann auch noch auf die Kunst und ihre Prinzipien konzentriert, kann man bei mir fast nichts mehr falsch machen. Deshalb ist mir der Stefan Burger sehr symphatisch. Nicht nur wegen seines feinen Videos Abstraktion und Blattmimese, dass gerechtfertigterweise an den diesjährigen Swiss Art Awards zu sehen war. Auf der Liste (bzw. dem Special Guest Kunsthaus Baselland) war er mit einigen Fotografien vertreten, die mir einfach gefallen haben.

Alles in allem bin ich eher enttäuscht aus der alten Brauerei wieder nach Hause gefahren. Viele Sachen sind einfach zu vorhersehbar weil zurechtgeschnitten auf einen Kunstmarkt, dem es eher um kurzfristige Aufgeregtheiten geht als um Prozesse und Produktionen, die (meinetwegen auch) lärmend nach Auseinandersetzung verlangen. – Kaum Neues – nur findet dieses Langweilige mehrheitlich jetzt auch auf der Liste statt.

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