Die Masterausbildung in Fine Arts kommt hier in Zürich mit etwas Verspätung aber doch langsam in Schwung. Die zweite Woche hat begonnen – und in Kürze kann ich wieder mehr Zeit für bhlogiston erübrigen. Dann nämlich haben sich Erwerbstätigkeit und künstlerische Praxis eingependelt. Hehe.

In der Zwischenzeit präsentiere ich mal zwei eigene Fotos. Aus einem einzigen Grund: ich habe das Vergnügen, damit einen ausgeschriebenen Fotowettbewerb gewonnen zu haben. Das freut mich natürlich sehr. Umso mehr bei der Nebenbemerkung – dieses war mein erster Wettbewerb – und gleich ein erster Platz. Ich will selbstverständlich niemanden neidisch machen. Aber so kann mein neues Künstlerleben XXL gerne weitergehen.

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Der Fotowettbewerb warb um eine spezielle Sicht auf die Kalkbreite, ein Areal in Zürich, dass in naher Zukunft so nicht mehr existieren wird. Ob der Wettbewerb jetzt eine zweifelhafte, romantischen Empfindungen entsprungene Würdigung städtebaulicher Vergangenheit darstellt oder dem eher kühlen Archivierungsbedürfnis eines Stadtarchivs entsprungen ist, kann mir eigentlich egal sein. Gesucht wurde die schönste Entdeckung, die überzeugendste Vision. Soviel dazu. So ein erster Platz macht mir natürlich Lust auf mehr Wettbewerbe.

Das zweite Foto hier hat es übrigens in die Auswahl der besten 16 geschafft und wird gleichfalls in der kleinen Ausstellung zu sehen sein, die der Verein Kalkbreite initiiert.

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Er ist einer der bekanntesten Nachkriegskünstler Frankreichs, Christian Boltanski – geb. 1944 in Paris. Eines der Zentren, um die seine künstlerische Auseinandersetzung kreist, ist Vergangenheit/Kindheit und ihre Bewältigung. In vielen Arbeiten Boltanskis verarbeitet er Artefakte der eigenen Biografie – zum Beispiel kleine, beschriftete Biskuitschachteln und Säckchen mit Haaren und einem Foto der Schwester. Filme entstehen, die so wunderliche Titel haben wie:

Das unmögliche Leben des Christian Boltanski (1968), Der Mann, der hustet (1968) Der Mann, der leckt (1969) Wie können wir ihn ertragen? (1969). Nachforschung nach all dem und der Präsentation all dessen, was aus meiner Kindheit (1944-1950) übriggeblieben ist (1969) Rekonstituierung eines Unfalls, der mir noch nicht zugestossen ist, aber in dem ich den Tod gefunden habe (1969).

Bei der Leidenschaft fürs Vergangene könnte einem wahrscheinlich schnell die Sammelleidenschaft plagen. Vor dieser Gefahr scheint auch ein Boltanski nicht gefeit gewesen zu sein. Ein Befreiungsschlag muss das 1973 gewesen sein. Alle Dinge, an denen er hing, hat er an Unbekannte versteigert. Hut ab – muss er sich doch gleichzeitig all jener Dinge entledigt haben, die ihm als Grundlage für seine Kunst dienten. Mir jedenfalls ist das eine ehrfürchtige Verbeugung wert – ich würde diese grosse Geste gern auch in meiner Wohnung durchführen. <G>

Sein späteres Werk nutzt für diese Auseinandersetzungen ausgiebig das Medium Fotografie. Auch hier beweisst der Mann feinen bis abgründigen Humor bei der Wahl der Titel für seine Arbeiten:

Die 62 Mitglieder des Mickey Clubs von 1955 Die Kleider des Français C Tote zum Lachen – zum Totlachen

Ab 1976 werden die fotografischen Bilder grossformatig – Foto- und Wandkompositionen heissen sie ab dann und füllen tatsächlich Wände. Sie sind Inszenierungen, Dramaturgien mit Licht. Lämpchengirlanden werden als Dekor eingesetzt. Endpunkt dieser Entwicklung von Environments sind seine Schattenspiele – motorgetriebene, rotierende Werke.

1990 kam zur Arbeit Les Suisses morts bzw. die Toten Schweizer.

Viel zu lange habe ich nur mit Fotos toter Juden gearbeitet. Dabei ist doch ein toter Jude Selbstverständlichkeit. Der Tod und der Jude verstehen sich zu gut. Wer dagegen kann sich vorstellen, dass auch Schweizer sterblich sind? Schweizer sind so normal. Es gibt wirklich keinen Grund, warum gerade sie sterben müssen. Tote Schweizer wirken so viel schrecklicher auf uns. Weil sie wie wir sind. (Boltanski)

Tod – nicht das Sterben – ist ein anderer Angelpunkt, der vor allem in seinem Spätwerk grosse Aufmerksamkeit findet. Eben auch im Les Suisses morts. Auf Biskuitschachteln (schon wieder) werden die Porträts verstorbener Schweizer geklebt – ihren zweiten Tod finden sie an der Wand einer Ausstellung bzw. Museums – als vorgestelltes Massengrab – stellvertretend für alle jene, die ohne Schrecken sterben und deren Tod nach Boltanski für uns umso schrecklicher ist. Die Angst vor dem Tod – eine konsequent umgesetzte Spurensicherung* – scheint ein reichhaltiges Motiv für Christian Boltanski.

Les Installation “Archives des Suisses Morts” ausgestellt im Legacy House, Contemporary Art in Belgrade Quelle: daylife.com

1991 vollendete Boltansky Reserve of the German Family – auch hier wieder ist das Thema die persönliche und die kollektive Erinnernung. Die überlebensgrossen Kartons stellen sich als hundsgemeine Keksdosen (!) heraus. Das Alltägliche einer solchen Keksdose korreliert deutlich mit dem Aufgeladenen von Erinnern und Vergessen. – Bemerkenswert ist da dabei, das solche Dosen so gern als Aufbewahrungsort für Fundstücke des eigenen Lebens herhalten müssen.

Reserve of the German Family // Reserve der deutschen Familie Quelle: Virtuelles Museum Moderne (NRW)

Eine neuere Arbeit, die mir sehr gut gefällt ist Time, Zeit von 2001. Auf der einen ist das Foto eines Kindes zu sehen, auf der anderen als Erwachsener.

Zeit, 2001

Eine recht übersichtliche Biografie, die für diese Zusammenfassung Grundlage war, gibt es bei g26.ch Christian Boltanski bei Wikipedia Ein Videodokumentation (52 min, englisch) über sein Arbeiten und Wirken (gefunden via Anna Keck)

* Der Begriff der Spurensicherung – Bezeichnung für eine Kunstrichtung, bei der der Künstler durch Sammeln realer oder fiktiver Relikte der Vergangenheit realistische Zusammenhänge oder fiktive Welten nach seiner subjektiven Erfahrung konstruiert. sh. bei wissen.de

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In sieben verschiedenen Ländern suchte Joakim Eskilden Roma auf – Ungarn, Indien, Griechenland, Rumänien, Frankreich, Russland und Finnland. Dabei sind ihm sehr atmosphärische Porträts gelungen. Die Distanz bleibt – seltsame Fremdheit. Wie eine Wiederholung aller schon besagten (und besungenen Klischees) – bleibt wenigstens eine ästhetische Annäherung, die nichts versucht. Empfehlenswert auch die beiden Fotoserien iChickenMoon und Bluetide auf seiner Homepage.

Saintes-Maries-de-la-Mer I Laulukallelaiset, Hila (Finnland)

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Mein eigener Aufenthalt vor vier Jahren in Mittelamerika hat mein Bild von diesem Teil der Erde deutlich geprägt. Vorher setzte sich dieses Bild allein aus Medien vermittelten Eindrücke zusammen, die über das Mass an ungeährem Vorstellen ja nicht hinausgehen. Es war meine erste Reise in eine Region, in der Armut normal – und die dazugehörige Gewalt unerträglich gegenwärtig ist – auch wenn sie vor den eigenen Augen natürlich nicht stattfindet. Und ich war geschockt von dem Leben, dass Indigenas in Guatemala führen müssen, verstört von den noch immer im Wachstum befindlichen Bananen-Monokulturen in Honduras und angewidert von den täglich zelebrierten Gewaltdarstellungen in den Tageszeitungen (Nicaragua ausgenommen). Die Fotografien von Victor J Blue wecken all diese Eindrücke wieder und erinnern an jene seltsame Zerrissenheit, wenn man sich als Touristin in solchen Regionen aufhält. – Dieses Wissen- und Hinsehenwollen – das man ohne Schuldgefühle nicht haben kann. Oder man setzt diesen ethnologischen Blick auf – der Empathie als störendes Element in der Wahrnehmung zurückzuweisen versucht. Geht alles nicht und ich musste mir eingestehen – dass genau dieses Irritiertsein zu dieser Art von Reiseerfahrung gehört.

Crosses mark the graves of uknown immigrants that died in the desert, CA. Old indigenous woman at the US border fence, Mexicali.

Victor J Blue // via verve photo

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Die wunderbare Idee von Chen Jiagang, Fotos in ein pdf-Dokument zu packen, ermöglicht einen unverstellten Blick auf die Folgen der Industrialisierung. Diese verheerenden Wirkungen auf unsere Umwelt kennen wir auch schon von unseren eigenen Landschaften. Und drastischer aus der russischen Förderation. Nun auch China. Die Fotografien vermitteln nicht einfach nur Brachlandschaften und Förderkollosse. Einen seltsamen Bruch liefern die in den Bildern wie zufällig auftauchenden Frauen. Eine beeindruckende Sammlung von Fotografien, die die Bruchstellen eines hemmungslos aufstrebenden Industriegiganten zeigen.

Chen Jiagang - Third Front, Mist Mine (2006) Chen Jiagang - Third Front, Mine pool (2004)

Forbidden City als Buch-pdf (8.25 MB) <via Conscientious)

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