Er ist einer der bekanntesten Nachkriegskünstler Frankreichs, Christian Boltanski – geb. 1944 in Paris. Eines der Zentren, um die seine künstlerische Auseinandersetzung kreist, ist Vergangenheit/Kindheit und ihre Bewältigung. In vielen Arbeiten Boltanskis verarbeitet er Artefakte der eigenen Biografie – zum Beispiel kleine, beschriftete Biskuitschachteln und Säckchen mit Haaren und einem Foto der Schwester. Filme entstehen, die so wunderliche Titel haben wie:

Das unmögliche Leben des Christian Boltanski (1968), Der Mann, der hustet (1968) Der Mann, der leckt (1969) Wie können wir ihn ertragen? (1969). Nachforschung nach all dem und der Präsentation all dessen, was aus meiner Kindheit (1944-1950) übriggeblieben ist (1969) Rekonstituierung eines Unfalls, der mir noch nicht zugestossen ist, aber in dem ich den Tod gefunden habe (1969).

Bei der Leidenschaft fürs Vergangene könnte einem wahrscheinlich schnell die Sammelleidenschaft plagen. Vor dieser Gefahr scheint auch ein Boltanski nicht gefeit gewesen zu sein. Ein Befreiungsschlag muss das 1973 gewesen sein. Alle Dinge, an denen er hing, hat er an Unbekannte versteigert. Hut ab – muss er sich doch gleichzeitig all jener Dinge entledigt haben, die ihm als Grundlage für seine Kunst dienten. Mir jedenfalls ist das eine ehrfürchtige Verbeugung wert – ich würde diese grosse Geste gern auch in meiner Wohnung durchführen. <G>

Sein späteres Werk nutzt für diese Auseinandersetzungen ausgiebig das Medium Fotografie. Auch hier beweisst der Mann feinen bis abgründigen Humor bei der Wahl der Titel für seine Arbeiten:

Die 62 Mitglieder des Mickey Clubs von 1955 Die Kleider des Français C Tote zum Lachen – zum Totlachen

Ab 1976 werden die fotografischen Bilder grossformatig – Foto- und Wandkompositionen heissen sie ab dann und füllen tatsächlich Wände. Sie sind Inszenierungen, Dramaturgien mit Licht. Lämpchengirlanden werden als Dekor eingesetzt. Endpunkt dieser Entwicklung von Environments sind seine Schattenspiele – motorgetriebene, rotierende Werke.

1990 kam zur Arbeit Les Suisses morts bzw. die Toten Schweizer.

Viel zu lange habe ich nur mit Fotos toter Juden gearbeitet. Dabei ist doch ein toter Jude Selbstverständlichkeit. Der Tod und der Jude verstehen sich zu gut. Wer dagegen kann sich vorstellen, dass auch Schweizer sterblich sind? Schweizer sind so normal. Es gibt wirklich keinen Grund, warum gerade sie sterben müssen. Tote Schweizer wirken so viel schrecklicher auf uns. Weil sie wie wir sind. (Boltanski)

Tod – nicht das Sterben – ist ein anderer Angelpunkt, der vor allem in seinem Spätwerk grosse Aufmerksamkeit findet. Eben auch im Les Suisses morts. Auf Biskuitschachteln (schon wieder) werden die Porträts verstorbener Schweizer geklebt – ihren zweiten Tod finden sie an der Wand einer Ausstellung bzw. Museums – als vorgestelltes Massengrab – stellvertretend für alle jene, die ohne Schrecken sterben und deren Tod nach Boltanski für uns umso schrecklicher ist. Die Angst vor dem Tod – eine konsequent umgesetzte Spurensicherung* – scheint ein reichhaltiges Motiv für Christian Boltanski.

Les Installation “Archives des Suisses Morts” ausgestellt im Legacy House, Contemporary Art in Belgrade Quelle: daylife.com

1991 vollendete Boltansky Reserve of the German Family – auch hier wieder ist das Thema die persönliche und die kollektive Erinnernung. Die überlebensgrossen Kartons stellen sich als hundsgemeine Keksdosen (!) heraus. Das Alltägliche einer solchen Keksdose korreliert deutlich mit dem Aufgeladenen von Erinnern und Vergessen. – Bemerkenswert ist da dabei, das solche Dosen so gern als Aufbewahrungsort für Fundstücke des eigenen Lebens herhalten müssen.

Reserve of the German Family // Reserve der deutschen Familie Quelle: Virtuelles Museum Moderne (NRW)

Eine neuere Arbeit, die mir sehr gut gefällt ist Time, Zeit von 2001. Auf der einen ist das Foto eines Kindes zu sehen, auf der anderen als Erwachsener.

Zeit, 2001

Eine recht übersichtliche Biografie, die für diese Zusammenfassung Grundlage war, gibt es bei g26.ch Christian Boltanski bei Wikipedia Ein Videodokumentation (52 min, englisch) über sein Arbeiten und Wirken (gefunden via Anna Keck)

* Der Begriff der Spurensicherung – Bezeichnung für eine Kunstrichtung, bei der der Künstler durch Sammeln realer oder fiktiver Relikte der Vergangenheit realistische Zusammenhänge oder fiktive Welten nach seiner subjektiven Erfahrung konstruiert. sh. bei wissen.de

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Bin mal wieder bei meinem fotografischen Lieblingsblog fündig geworden. Matthias Stief heisst der Tipp und ich denke nach. An meine ersten dokumentarfotografischen Versuche. – Und sehe alles, was mein Lehrer mir in puncto gute Fotografie so wärmstens ans Herz legte.

Matthias Stief – Moscwa Metro #1 (aus Russia) // homepage //

matthiass-stief_ru_metro01.jpg

Musikalisch unterlege ich das hier heute mit neuem Material von Dosh, der die Grenzen zwischen Pop und Jazz begeht.

Dosh – If you want to you have to (Wolves and Wishes, release 13.05.08) // artist // label:: anticon (via betterPropaganda)

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Marcel Duchamp & Prof. Dr. Werner Spies Foto: wasserscheide.eu

Marcel Duchamp (1887–1968) gilt sicher zu Recht als einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts und hat die moderne Kunst wohl kaum geprägt wie ein anderer. Er zählt zu den Wegbereitern des Surrealismus und des Dadaismus und ist Mitbegründer der Konzeptkunst. Ich würde behaupten, in Duchamp hatte sich eine Künstlerpersönlichkeit manifestiert, die die Auseinandersetzung in der Kunst der zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts dominieren sollte. Jenseits einer Festlegung und damit Festschreibung in und mit Medien. Ihn zeichnet eine durch mediale Unabhängigkeit gekennzeichnete Kreativität aus. Der Zugehörigkeit zu den einzelnen Medien und den ihnen eingeschriebenen Ausdrucksmöglichkeiten ist er immer wieder durch deren Überschreitung entgangen.

Interessant ist er für mich auch, weil er einer der wenigen Künstler der Avantgarde ist, der sich den Zugang zu Technik bzw. den Umgang mit Technologie offen gelassen hat. Mit offen gelassen meine ich, es ist weder eine absolutistische Technikkritik aus seinem Werk herauszulesen, noch eine Anbetung derselben, wie sie von den Futuristen oder Teilen der russischen Avantgarde vertreten wurde. Dieser Teil seines Schaffens – die Ready-mades – hat später viele Künstler der 60er und 7oer beeinflusst. Das Konzept einer Gegenkunst, die sich mit gefunden Gegenständen und Alltäglichem auseinandersetzte bzw. sie ins Zentrum der Auseinandersetzung nahm. Auch hier war Duchamp seinen Zeitgenossen weit voraus, wenn man sich ansieht, wann er seine ersten Werke inszenierte und wann in grossem Stil Ready-mades umgesetzt wurden. Aus dieser ersten Zeit der Auseinandersetzung um Technik gefällt mir sowohl inhaltlich wie auch von der formalen Lösung sein Fahrrad-Rad ungemein. Es ist von 1913 und verrät einen ironischen Zugang zum Thema, wie es bei dem heiligen Ernst der Russen – den ersten Maschinenkünstlern, die der Einfachheit halber oft als russische Konstruktivisten zusammengefasst werden, viel zu selten war.

Fahrrad-Rad, 1913, Rad auf hölzernem Hocker

An seinem Hauptwerk – das mir bis vor kurzem gänzlich unbekannt war – arbeitete Duchamp mehr als 8 Jahre, von 1915-1923 – um genau zu sein. „Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet, sogar – oder kurz: Das grosse Glas (Öl, Blei Bleidraht, Folie, Staub und Firnis auf Glas). Es ist nicht vollendet und heute in einer “gesprungenen” Fassung erhalten. Es gilt als grossartiger Versuch der aufkommenden Konzeptkunst und hat Duchamp für seine Verhältnisse extrem lange beschäftigt.

Das grosse Glas (Abbildung via e-art)

Einen interessaten Text findet man bei cosmopolis.ch – Biografie, Leben und Werk – basierend auf Calvin Tomkins: Ein Leben zwischen Eros, Schach und Kunst Duchamp bei Wikipedia Empfehlenswert ist der Wikimedia-Bereich zu Duchamp

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“Das Wesen der gesamten Photographie ist dokumentarischer Art,” (August Sander, 1931).

Das intensive Studium der Fotografie auch seiner Geschichte brachte mich heute zu August Sander und seinen “Menschen des 20. Jahrhunderts”. Noch nie vorher von ihm gehört, war ich umgehend beeindruckt. 1876 geboren – fotografierte er seit den 20er Jahren die Deutschen. Wenn man seine Kontakte kurz ansieht, wird schnell auch eine künstlerische Heimat klar: zum Beispiel Raoul Hausmann (österr. Dadaist) oder Otto Dix (deutscher Expressionist). 1926 gibt er das erste Buch – Antlitz der Zeit – seiner als vollständig geplanten Arbeit “Menschen des 20. Jahrhunderts” heraus. 60 Porträts von Deutschen, das auf eine Weise unprätentiös und ungekünstelt daherkommt. – Sehr im Gegensatz zu einem zu gleicher Zeit fotografierenden Edward Steichen – zum Beispiel. Die Druckstöcke des Buches wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt vernichtet. Das wundert nicht, wenn man sich seine Porträts ansieht. Keine Beispiele, wie die Ideologen das deutsche Volk gern dargestellt gesehen haben. Als exemplarisch für seine Porträtfotografie wird schon erwähntes “Menschen des 20. Jahrhunderts” bezeichnet. Es ist wie ein Zeugnis der Weimarer Republik und ein Querschnitt der Gesellschaft.

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Einen guten Einblick in die Fotografie Sanders gibt es bei masters of fine art/photography // Die Photografische Sammlung bzw. augustsander.de

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Grosses Trommeln und dann war ich doch ein klitzekleinesbisschen enttäuscht. Die offiziellen Exponate fanden sich in einem relativ kleinen Raum wieder. Aber ja nu – das wenige war auf jeden Fall interessant. “Access” war das Thema – wird immer wichtiger. Neue Verteilkämpfe wiederholen und rekapitaliseren die bestehenden Strukturen fast schmerzlich jeden Tag aufs Neue. Logisch haben mich deshalb Projekte wie das “Opera Calling” von Bitnik aus Zürich besonders gefreut. – Zur Erinnerung – im Zürcher Opernhaus wurden Handy-”Wanzen” versteckt, um live Ausführungen zu senden. Und senden ging dann so, dass per Zufallsprinzip Haushalte in Zürich telefonisch angewählt wurden, die dann an den Aufführungen teilhaben kostenlos (leider wohl nicht in bester Qualität). Aber mein heimlicher Renner war dann auch “Picadae” von Christoph Wachter und Matthias Jud. Mit dieser Website können interessierte Menschen (in zensierten Webdomainen) diese Informationsverbote umgehen. Und auch wenn der Dienst von www.picidae.com längst von zum Beispiel von chinesischen Behörden gesperrt wurde, hat die technische Umsetzung längst unzählige Nachahmer gefunden.

Und um kryptische Geleiseecken (neubaslerisch die coole Ecke des Dreispitzareals) gab es ja auch noch die Schau der NoNames, sprich die StudentInnen hatten die Möglichkeit, leere, kalte Eisenbahnwaggons interssanter zu gestalten. – Bleibt zu sagen, die Waggons an sich waren eine super Idee – andererseits wirken die Exponate etwas beziehungslos.

Hier kommen noch ein paar Fotos – die beiden oben zeigen exemplarisch das Projekt “Opera Calling” von Bitnik. Das eine unten zeigt die “Präsentation” von Amazon Noir – einem Projekt, das die Volltextsuche von Amazon dazu benutzte, komplette Bücher gratis herunterzuladen.

Shift 1 Shift Detail Amazon Noir

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