Nach einem Parforceritt durch die Kunst, die dieses Jahr auf der Art|Basel gezeigt wird, muss ich sagen: sehr dekorativ das Ganze. Habe mir sagen lassen, dass ich anderes auch nicht erwarten darf. Das hier ist eine MESSE und keine Ausstellung. Und schwupps bin ich bei so schönen Wortvergleichen wie Messe und Messe – wo gibt’s in Basel so richtig schöne Messe-Liturgie?

Jedenfalls bin ich zwei Tage lang um die Kunst herumgeschlichen. Sehr schön, viel gut Gemachtes. Künstler und Künstlerinnen, deren Arbeiten ich nicht nur nett fand, habe ich mir mal aufgeschrieben – zum später nochmals oder mal wieder anschauen. Reihenfolge: von Dienstag bis Mittwoch oder von unten nach oben.

Robert Rauschenberg, Donald Baechler, Mel Bochner, Cy Twombly, Paco Knöller, Lee Krasner, Jacques Villeglé, Darryl Pottorf, Jenny Holzer, Joseph Kosuth, Louise Bourgeois, Arnulf Rainer, Nalini Malani, Paulo Climachauska, Walter Niedermayer, Joyce Pensato, Charline von Heyl, John Beech / Edward Albee, Matthew Day Jackson, Grayson Perry, AA Bronson, Konstantin Luser, Adrian Piper, David Shrigley, Joachim Koester, Nancy Spyro, Philippe Parreno, Martin Kippenberger, Andreas Hofer, Tonico Lemos Auad, Jakub Julian Ziolkowski, Rirkrit Tiravanija, Martha Rosler, Louise Lawler, Manfred Pernice, Robert Motherwell, Sandra Vasquez de la Horra

Donald Baechler Jacques Villeglé, Voie privee Raspail, Nice Arnulf Rainer, Body Pose III, 1971/72 Joyce Pensato, Duck-Mouse John Beech / Edward Albee, Obscure/Reveal 28 Adrian Piper, "Everything #2/11b" Philippe Parreno, Sodium Lights Martin Kippenberger, Untitled Rirkrit Tiravanija, Reflection ping pong table Martha Rosler, Hooded Captives Robert Motherwell, 2 Figures (1958) Sandra Vasquez de la Horra, Sandra Vasquez de la Horra - Mitológica (2008)

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Chaim SoutineChaïm Soutïne (1893 – 1943) – ein weissrussischer Jude, den es ins Paris der Moderne zog. Er galt als ungestümer Mensch, was ich grundsätzlich schätze. Als Künstler ist er mir erstaunlicherweise bisher verborgen geblieben. Wohl auch, weil einige seiner Freunde es zu mehr Ruhm gebracht haben. Modigliani z. B. oder Picasso. Gleichfalls fast rätselhaft ist, dass er relativ unabhängig blieb von den Einflüssen der Avantgarde Westeuropas. Nachdem er die ersten 30 Jahre seines Lebens in Armut lebte, brachte ihm seine Malerei ab Anfang der 20er Jahre finanziellen Erfolg. Sein Leben war in seinen letzten Monaten von der Flucht vor der deutschen Besetzung Frankreichs geprägt.

Ich bin erstaunt über die Farben, die es an Intensität mit jener von Oskar Kokoschka, Marc Chagall oder anderer Vertreter der Brücke aufnehmen können. Und ich bin erstaunt über die expressive Schärfe, seinen Ausdruck. Das Licht in seinen Bildern erinnert mich an die Malerei des 17. Jahrhunderts. Und es überrascht mich keineswegs, dass als seine Einflüsse El Greco und Velasquez genannt werden. Wahrscheinlich haben seine Bilder deshalb so eine starke Wirkung auf mich. Noch stärker beeinflusst haben ihm (nach Wiki-Eintrag) Cézanne, van Gogh und Bonnard, gegen die ja auch nur wenige ernsthaft etwas einwenden werden. <G>

Neben Portraits von Freunden hat er tatsächlich doch ziemlich viele Landschaftsbilder gemalt und Tiere. In seinem frühen Bilder sind es vor allem Bilder geschlachtete Tiere. Später waren es eher lebendige denn tote.

Soutine Bild 1 Soutine Bild 2 Soutine Bild 3 Soutine Landschaft bei Cagnes

Die nächste Ausstellung, die ich ohne weiteres noch erreichen kann, ist in der Galerie Thomas, München angekündigt; vom 26. März bis 16. Mai.

Chaïm Soutïne bei Wikipedia

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Er ist einer der bekanntesten Nachkriegskünstler Frankreichs, Christian Boltanski – geb. 1944 in Paris. Eines der Zentren, um die seine künstlerische Auseinandersetzung kreist, ist Vergangenheit/Kindheit und ihre Bewältigung. In vielen Arbeiten Boltanskis verarbeitet er Artefakte der eigenen Biografie – zum Beispiel kleine, beschriftete Biskuitschachteln und Säckchen mit Haaren und einem Foto der Schwester. Filme entstehen, die so wunderliche Titel haben wie:

Das unmögliche Leben des Christian Boltanski (1968), Der Mann, der hustet (1968) Der Mann, der leckt (1969) Wie können wir ihn ertragen? (1969). Nachforschung nach all dem und der Präsentation all dessen, was aus meiner Kindheit (1944-1950) übriggeblieben ist (1969) Rekonstituierung eines Unfalls, der mir noch nicht zugestossen ist, aber in dem ich den Tod gefunden habe (1969).

Bei der Leidenschaft fürs Vergangene könnte einem wahrscheinlich schnell die Sammelleidenschaft plagen. Vor dieser Gefahr scheint auch ein Boltanski nicht gefeit gewesen zu sein. Ein Befreiungsschlag muss das 1973 gewesen sein. Alle Dinge, an denen er hing, hat er an Unbekannte versteigert. Hut ab – muss er sich doch gleichzeitig all jener Dinge entledigt haben, die ihm als Grundlage für seine Kunst dienten. Mir jedenfalls ist das eine ehrfürchtige Verbeugung wert – ich würde diese grosse Geste gern auch in meiner Wohnung durchführen. <G>

Sein späteres Werk nutzt für diese Auseinandersetzungen ausgiebig das Medium Fotografie. Auch hier beweisst der Mann feinen bis abgründigen Humor bei der Wahl der Titel für seine Arbeiten:

Die 62 Mitglieder des Mickey Clubs von 1955 Die Kleider des Français C Tote zum Lachen – zum Totlachen

Ab 1976 werden die fotografischen Bilder grossformatig – Foto- und Wandkompositionen heissen sie ab dann und füllen tatsächlich Wände. Sie sind Inszenierungen, Dramaturgien mit Licht. Lämpchengirlanden werden als Dekor eingesetzt. Endpunkt dieser Entwicklung von Environments sind seine Schattenspiele – motorgetriebene, rotierende Werke.

1990 kam zur Arbeit Les Suisses morts bzw. die Toten Schweizer.

Viel zu lange habe ich nur mit Fotos toter Juden gearbeitet. Dabei ist doch ein toter Jude Selbstverständlichkeit. Der Tod und der Jude verstehen sich zu gut. Wer dagegen kann sich vorstellen, dass auch Schweizer sterblich sind? Schweizer sind so normal. Es gibt wirklich keinen Grund, warum gerade sie sterben müssen. Tote Schweizer wirken so viel schrecklicher auf uns. Weil sie wie wir sind. (Boltanski)

Tod – nicht das Sterben – ist ein anderer Angelpunkt, der vor allem in seinem Spätwerk grosse Aufmerksamkeit findet. Eben auch im Les Suisses morts. Auf Biskuitschachteln (schon wieder) werden die Porträts verstorbener Schweizer geklebt – ihren zweiten Tod finden sie an der Wand einer Ausstellung bzw. Museums – als vorgestelltes Massengrab – stellvertretend für alle jene, die ohne Schrecken sterben und deren Tod nach Boltanski für uns umso schrecklicher ist. Die Angst vor dem Tod – eine konsequent umgesetzte Spurensicherung* – scheint ein reichhaltiges Motiv für Christian Boltanski.

Les Installation “Archives des Suisses Morts” ausgestellt im Legacy House, Contemporary Art in Belgrade Quelle: daylife.com

1991 vollendete Boltansky Reserve of the German Family – auch hier wieder ist das Thema die persönliche und die kollektive Erinnernung. Die überlebensgrossen Kartons stellen sich als hundsgemeine Keksdosen (!) heraus. Das Alltägliche einer solchen Keksdose korreliert deutlich mit dem Aufgeladenen von Erinnern und Vergessen. – Bemerkenswert ist da dabei, das solche Dosen so gern als Aufbewahrungsort für Fundstücke des eigenen Lebens herhalten müssen.

Reserve of the German Family // Reserve der deutschen Familie Quelle: Virtuelles Museum Moderne (NRW)

Eine neuere Arbeit, die mir sehr gut gefällt ist Time, Zeit von 2001. Auf der einen ist das Foto eines Kindes zu sehen, auf der anderen als Erwachsener.

Zeit, 2001

Eine recht übersichtliche Biografie, die für diese Zusammenfassung Grundlage war, gibt es bei g26.ch Christian Boltanski bei Wikipedia Ein Videodokumentation (52 min, englisch) über sein Arbeiten und Wirken (gefunden via Anna Keck)

* Der Begriff der Spurensicherung – Bezeichnung für eine Kunstrichtung, bei der der Künstler durch Sammeln realer oder fiktiver Relikte der Vergangenheit realistische Zusammenhänge oder fiktive Welten nach seiner subjektiven Erfahrung konstruiert. sh. bei wissen.de

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Man ist ja nicht immer ihrer Meinung – manchmal finde ich ihre Beiträge schwer nachvollziehbar. Aber gut gibt es sie. Fand auch W. H. Auden*, der das in The Dryer’s Hand (1963) schön zusammenfasste:

Was ist die Funktion eines Kritikers?

  • Introduce me to authors or works of which I was hitherto unaware.
  • Convince me that I have undervalued an author or a work because I had not read them carefully enough.
  • Show me relations between works of different ages and cultures which I could never have seen for myself because I do not know enough and never shall.
  • Give a “reading” of a work which increases my understanding of it.
  • Throw light upon the process of artistic “Making.”
  • Throw light upon the relation of art to life, to science, economics, ethics, religion, etc.

*Auden ist bei uns wohl weniger wegen seiner literarischen Werke bekannt – viel eher als jener Mann, der Erika Mann heiratete, um ihr zu einem englischen Reisepass zu verhelfen. Auden verfasste über 400 Gedichte und 400 Essays, ferner Theaterstücke und Opernlibretti. via That’s Negative

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In sieben verschiedenen Ländern suchte Joakim Eskilden Roma auf – Ungarn, Indien, Griechenland, Rumänien, Frankreich, Russland und Finnland. Dabei sind ihm sehr atmosphärische Porträts gelungen. Die Distanz bleibt – seltsame Fremdheit. Wie eine Wiederholung aller schon besagten (und besungenen Klischees) – bleibt wenigstens eine ästhetische Annäherung, die nichts versucht. Empfehlenswert auch die beiden Fotoserien iChickenMoon und Bluetide auf seiner Homepage.

Saintes-Maries-de-la-Mer I Laulukallelaiset, Hila (Finnland)

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