Armand Schulthess und die Lebensbibliothek

By in kunst, medien, porträt, sammeln on 17. April 2008

aus einem Buch von Schulthess
via Film-Schlumpf

Im letzten Semester machte uns Peter Radelfinger auf Armand Schulthess (19.1.1901 Neuchâtel – 29.9.1972 Auressio) aufmerksam. (Darauf hatte ich schon hingewiesen.) Danach hatte ich mal rumgefragt, wer den kennt. Aus meinem Bekanntenkreis konnte sich mal einer ein ‘Ähm, schon mal gehört – aber grad fällt mir der Zusammenhang nicht ein’ abringen. Leider ist das so. Denn was der Mann geschaffen ist, ist sowohl künstlerisch als auch medientheoretisch spannend. Die häufigsten Stichworte sind vielleicht Einsiedler und Sonderling. (Ich habe leider kein Foto von dem Manne finden können. Hätte mich interessiert, wie er ausgesehen hat.)

Man könnte ihn als Aussteiger bezeichnen. Da wird der Mann 50 und sagt seinem Beamtenberufsstand Adieu und kauft sich ein Waldgrundstück im Tessin. Richtet sich ein und kapselt sich ab, um “einen völlig neuen Lebensabschnitt zu beginnen”. So weit, so gut. Nach und nach kaufte er angrenzende Grundstücke dazu und wozu? Um ein riesiges Areal assoziativer Objekte miteinander zu verknüpfen. Sein Grundstück wird eine in Objekten angelegte . Es ging ihm um nicht weniger, als das (sein) Wissen der Welt zusammenzulegen. An Bäumen befestigte er die beschrifteten Deckel von Konservendosen (wie im Bild unten zu sehen). Sein Haus wird eine Bibliothek mit vollständig von ihm angelegten Bänden zusammengetragenen Wissens. Er malte nicht, sondern schrieb aus Zeitungen ab, was ihn interessierte und fügte diese Ausschnitte neu zusammen. Er klassifizierte, was er fand und klebte es in Bücher oder hängte es in die Bäume seines Grundstückes. Auf diese Weise entstanden ein nach Themen geordneter Park, der ein irrsinniger Fundus an zeitgenössischem, vor allem medialem Status Quo hätte werden können.

Im 18.Jahrhundert wäre er zweifellos ein grosser Enzyklopädist geworden. Seinen Besitz, einen 18’000 qm grossen Kastanienwald im Onsernone-Tal im Tessin, verwandelte er in einen philosophischen Garten. Entlang eines ansteigenden Weges standen Bäume voller Tafeln, auf denen Schulthess das Wissen der Menschheit verzeichnet hatte. Oft handelte es sich einfach um Buchtitel. (Quelle: g26.ch)

Denn leider muss man hier auf die Möglichkeitsform zurückgreifen. Denn es gibt dieses grandios anmutende Werk in der von Schulthess angelegten Form nicht mehr. In den Jahren seines Schaffens hatte er sich besagten Ruf als Sonderling so dermassen erarbeitet, dass nach seinem Tod sowohl Verwandschaft als auch Bevölkerung der Umgebung auf die Zerstörung seiner Anlage bestand und tatkräftig dieses Vorhaben umsetzten.
Durch einen glücklichen Umstand gibt es Fotografien vom Park und einigen Objekten und einige wenige gerette Bände, der in Büchern zusammengetragenen Abschriften. Aus diesem geretteten Fundus ist wohl auch diese Publikation zusammengestellt worden.

Armand Schulthess
Foto via Buspod

Es gibt aus den 70er Jahren eine Tagi-Magi-Ausgabe mit einem ausführlichen Artikel zu Armand Schulthess. Leider ist das nicht mehr zu bekommen. Und wie es aussieht, ist 1974 Jahren auch ein Film gedreht worden – “ J’ai le téléphone”. Mehr dazu auf der Filmseite.
Der Künstlerin Ingeborg Lüscher haben wir seinen einzigen Kontakt nach draussen zu verdanken und die Aufmerksamkeit, die ihm jetzt noch zuteil wird.

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