Ilja Kabakow im Waggon, auf der Brücke oder auf dem Schiff

By in ausstellungen, europa, kunst on 28. November 2007

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Mitwochs Zeichnen bei Peter Radelfinger. Dankenswerterweise beschränken sich seine Unterweisungen nie auf die eigentliche Aufgabe. Heute gab es den Hinweis zum Konzeptkünstler Ilja Kabakow (*1933) dazu. Kurz gegoogelt, Website aufgeschlagen und mir tat sich ein Universum auf. Ohne es zu merken, ging eine Stunde ins Land und ich hatte gerade mal oberflächlich die Fundstücke überflogen. Selten schien mir der Versuch, jemandes Werke zu betrachten so ungenügend. Was für ein sinnenloses Erlebnis, diese Dinge auf einer zweidimensionalen Monitorfläche zu betrachten. Wie müssen diese Konzepte und Installationen erst im real life wirken?
Seit seiner Emigration aus der UdSSR 1989 lebt er in New York. Die Schweiz darf für sich in Anspruch nehmen, seine erste Ausstellung im Westen gezeigt zu haben. In Bern. 1987 in der Kunsthalle.

Das faszinierende an seinen Arbeiten sind sowohl der Schaffensprozess selbst, der ausführlich dokumentiert wird von ihm, als auch die spektakulären Arbeiten. Man kann nicht wirklich sagen, dass sie monumental sind oder gigantisch. Stattdessen sie sind extrem umfangreich, imposant, raumgreifend. In seiner Kunst reflektiert er seine russische Herkunft, die Mentalität seiner Landsleute. Dabei ist ihm eine grosse Anteilnahme an den Menschen seiner ehemaligen Heimat eigen, die man selten in der Kunst findet. Meist arbeiten sich gegenwärtige Künstler ja eher an den Eigenheiten ihrer Mitmenschen ab. Seine aufwendigen Installtationen entstehen in Partnerschaft mit seiner Ehefrau Emilia Kabakow.

Zurück zur Fülle auf Kabakows Website. Als Beipsiel habe ich mir den Roten Wagon herausgesucht. Parodistisch werden überall Müllreste verteilt. Der Wagon enthält die schönen Träume und Utopien der russischen Grossmacht – die unter Putin wieder neu zu erstehen scheint. Der rote Wagon birgt schliesslich alle Zeugenhafte, das vom tristen Ende dieser staatsmännischen Fantasien künden kann. Der Wagon hat keine Räder – auch wenn das auf den ersten Blick nicht auffällt. Und ein Wagon ohne Räder ist nur ein Wagon, der so tut als wäre er ein Wagon. Ein potemkinsches Dorf.

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Im Detail: Die Installation besteht aus drei Teilen – 17 m lang, 3.5 m breit und 7 m hoch. Der erste Teil ist gleichzeitig der Einstieg in die Installation repräsentiert eine hölzerne Sturktur und bezieht sich auf den konstruktivistischen Stil der 1920er. Es sieht aus wie ein recht komplexes Stufengebilde, das hinaufführt – wohin ist offen – noch oben, nach draussen, in den Himmel, in die Zukunft. Das Ende der Stufen ist mit Fähnchen, Bannern und Slogans dekoriert.

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Hinter dem Holzgestell befindet sich der Rote Wagon, eine neun Meter lange Holzbox, die einen dunkelroten Wagon darstellt, der auf einer Holzplattform aufgebockt scheint, anstelle der schon erwähnten fehlenden Räder. Anstelle von Fenstern hat Kabakow Bilder im Stile des sozialistischen Realismus im Wagon angebracht.
Der dritte Teil der Installation ist hinter dem Wagon. Dort gibt es einen weiteren Ein/Ausgang. Hier sind die Stufen zerbrochen. Zunächst Müll. Man erkennt die Reste an Material, das für die Installation nicht mehr gebraucht wurde. Ein grosses Abfall-Durcheinander.

Kabakow schreibt auf seiner Homepage:

By 1985 some strange dicline and apathy in the Soviet society made me and many of my friends feel, that some important period of our ‘Soviet history’ has come to an end. Some new and ‘non-historic’ era had begun. As for me personally, I flet, that not only a certain period, but also the ‘Soviet history’ as a whole, starting from October 1917, is ended and will never come back.

(Ein frommer Wunsch, scheint es – wenn man die derzeitige Entwicklung um Putin Machterhalt betrachtet.)

Der Rote Wagon wird als “Totale Installation” bezeichnet. Diese Bezeichnung versucht zu vermitteln, dass das Kunstwerk selbst den Raum der Ausstellung transformiert. Sie macht den Ausstellungsraum zum Teil der Installation, in dem sich der Betrachter selbst als Teil der Anlage wahrnimmt.
Bleibt zu erwähnen, dass ähnlich komplexe Installationen von den Kabakows ersonnen wurden. The Boat of my Life, Das Schiff, On the Bridge etc. – ich kann die Homepage des Künstlerpaares nur wärmstens empfehlen.

Kabakow – Übersicht bei Wikipedia
Homepage von Ilja und Emilia Kabakow

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